Ortsteil Großwirschleben

Vor rund fünftausend Jahren war die Gegend um das jetzige Großwirschleben schon besiedelt. Dies belegt ein Grabfund auf dem Galgenhügel, der in das Jahr 3 640 v. Chr. datiert wurde. Diese höchste Erhebung der näheren Umgegend hat ihren Namen nach der dort befindlichen Richtstätte der Grafen von Plötzkau, die noch bis in das späte 18. Jahrhundert genutzt wurde. Im Jahre 1736 wurde noch ein „ gemeiner Henker“ namentlich in den Akten erwähnt.

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Luftbildaufnahme Großwirschleben


Das Dorf Wisseroby lag lange Zeit auf dem Gelände des jetzigen Sportplatzes und war eine slawische Siedlung. Die dazugehörigen Bestattungsplätze befanden sich auf dem Vierzigmorgenberg in Richtung Plötzkau. Dort sind Gräber von der Jungsteinzeit bis in das frühe Mittelalter ausgegraben worden. Die Gegend ist noch heute ein für die Landwirtschaft ertragreicher Boden, was sich auch in der durchgehenden Besiedlung zeigt. Da sich der Saalelauf ständig veränderte, lag Wirschleben, wie es seit 1601 erstmalig in den Urkunden genannt wird, nicht immer am Wasser. Zwischen 1164 und 1247 verlagert die Saale ihren Lauf von der Kuhfurtsaale hinter Beesedau an die jetzige Stelle. Da sich die Gemarkung von Wirschleben an der alten Saale orientierte, haben heute noch Großwirschlebener Einwohner Ackerstücke „ über der Saale“.
 

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Ehemalige Saalefähre

Im Jahre 1150 wird Wischeribe von Kaiser Konrad II. an die Kirche Simonis und Judäa zu Goslar verschenkt. Dies wurde vom Papst Hadrian bestätigt. Auch das Kloster Hagenrode hatte hier Grundbesitz.
Im Jahre 1304 verkaufte das Kloster Hecklingen eine Mühle an die Familie Dus. Da die erste Windmühle in Deutschland erst im Jahre 1439 erbaut wurde, muss es sich um eine Wassermühle gehandelt haben. Sie stand wahrscheinlich auf dem Gelände der Familie Jantsch in der „ Neuen Welt“ an der Grenze zwischen Anhalt und Preußen. Es ist auf Großwirschleber Gebiet der einzige Zufluss zur Saale, und vom Gelände her für einen Stau gut geeignet.

 

Seit dem Jahre 1548 ist eine Windmühle in Großwirschleben nachweisbar. Der damalige Müller war Lorenz Kopge. Sie stand im späteren Gutspark der Familie Weyhe. 1856 wird diese Mühle in den Generalstabskarten nicht mehr aufgeführt. Am Plötzkauer Weg wurde 1733 eine Bockwindmühle errichtet. Sie stand bis zum Jahr 1966. Wegen Baumaterialmangel zur Ausbesserung wurde sie gesprengt. Der letzte Müllermeister war Otto Schulze.


An gleicher Stelle wie die Wassermühle stand um das Jahr 1756 eine Kelterei. Diese verarbeitete den Wein aus den Wirschlebener Weinbergen. Bei einer Größe von 23 Morgen brachte ein gutes Jahr bis zu 13 500 Liter Wein. Die Weinberge waren fürstliches Eigentum und der Wein musste erst nach Plötzkau, dann später nach Dessau abgeliefert werden.

Wann das heutige Großwirschleben gegründet wurde, lässt sich noch nicht zeitlich festlegen. Die Vermutung liegt nahe, dass mit der Einwanderung norddeutscher Bauern im 12. Jahrhundert der Grundstein gelegt wurde.
 

1352 wird erstmalig die Kirche in Wirschleben erwähnt. Heinrich von Freckleben, dem damals die Hälfte von Plötzkau gehörte, schenkte der Kirche eine Hufe (24 - 30 Morgen) Acker. Die Kirche selbst ist im romanischen Stil als einfaches Rechteck erbaut und erhielt später als Anbau eine Apsis. Der Turm mit seiner weithin sichtbaren Nadelspitze stammt aus den Jahren 1859 – 63. Um die Kirche liegen die ersten zwei Friedhöfe. Der dritte war in der Schulstraße ( heute Grundstück Werner Bensing). Der vierte Friedhof wird heute noch genutzt. Er wurde 1867 unterhalb der Ringgasse, auf der so genannten Krülße, angelegt.

 

Die erste bekannte Schule stand in der Ringgasse ( heute Neubau Wohnhaus W. Broneske) und ist seit 1643 nachgewiesen. 1815 wurde die „ Penne“, wie sie heute noch von vielen Einwohnern genannt wird, in der Fährstraße als Schule gebaut. Im Jahre 1865 unterrichtete hier ein Lehrer 107 Schulkinder! In den Jahren 1878 bis 1879 wurde im Zuge der Trennung von Kirche und Staat im Schulwesen eine neue Schule in der jetzigen Schulstraße gebaut. Diese existierte bis zum 31. 8. 1968 als zweistufige Schule. Die erste und zweite Klasse hatten zusammen einen Raum und die dritte und vierte Klasse ebenfalls. Ab der fünften Klasse gingen die Schüler nach Plötzkau. Jetzt besuchen die Kinder der Klassen 1 bis 4 die Grundschule Plötzkau. Die älteren Jahrgänge werden nach Könnern gefahren.
 

Wirtschaftlich gesehen, war Großwirschleben, wie es in 1684 erstmals genannt wurde, immer ein landwirtschaftlich geprägter Ort. Dies kann man aus alten Aufzeichnungen ersehen. Mehrere größere Bauerngüter und Gehöfte von Kleinbauern bestimmten das Ortsbild. Aber auch Handwerk und Gewerbe war hier in großer Zahl anzutreffen. Das reicht vom Huf – und Waffenschmied über Schneider und Schuhmacher bis zum Leineweber.

Lange Zeit war die Familie Grasshoff im Ort der größte Gutsbesitzer. Gleichzeitig diente Johann Friedrich Grasshoff dem Fürsten Victor Friedrich von Anhalt- Bernburg als Hofjäger, Büchsenspanner und Gehegereuter. Sein Wappenstein war noch bis zum Abriss um 1970 an der Giebelwand der Scheune im Bauernwinkel 19 zu sehen. Obwohl Großwirschleben an der Saale lag, war es nie ein Fischerdorf. Die Fischerei hatte schon seit dem 16. Jahrhundert die Familie Hartmann in Pacht. Sie besaß zwei Saalekähne und stellte über längere Zeit den Fährmeister. 1614 ließ das Amt Plötzkau im Auftrag des Fürsten eine Wagenfähre bauen, um des Übersetzen über die Saale zu erleichtern. Diese befand sich unterhalb des Ortes. Im Ort selbst ist seit dem Jahre 1601 ein Fährkahn nachweisbar. Über die Wagenfähre lief die Postlinie von Hannover nach Leipzig. Zum Einsatz der Fähre kam es, weil nach Unwettern die Saale die vorhandenen Furten oft unbrauchbar machte.

Großwirschleben hatte zwar schon immer einen eigenen Bürgermeister und Gemeinderat, war aber dem Amte Plötzkau unterstellt. Ebenso verhält es sich mit der Kirche. Schon 1352 wird sie als „ Filial“ von Plötzkau erwähnt. Das endgültige Aus als eigene Gemeinde kam 1957 als der letzte Bürgermeister von Großwirschleben, Georg Müller, nach Latdorf versetzt wurde. Seit dieser Zeit wird Großwirschleben, mit einer kurzen Unterbrechung 1990, von Plötzkau aus verwaltet. Gleichzeitig wurde es ein Ortsteil der Gemeinde Plötzkau. So endete nach Jahrhunderten die Eigenständigkeit und Selbstverwaltung einer Gemeinde.

Nach 1945 änderte sich mit der Neustrukturierung der Gesellschaftsordnung nach dem 2. Weltkrieg auch das Leben der Einwohner. Alle Bauern mit einem Besitz von mehr als 100 Hektar wurden entschädigungslos enteignet. Da es keine Großbauern mehr gab, wurden mit der Aufteilung von Grund und Boden Neubauernstellen geschaffen. Neubauern bewirtschafteten von der Zeit an das Land. Durch den Befehl 209 der sowjetischen Militäradministration durfte sich jeder Neubauer ein Wohnhaus mit angebautem Stall errichten. In Großwirschleben ist so die Siedlung entstanden.
Anfang der 50ziger Jahre kam es zur Gründung von „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften.“ Im Ort bildete sich die erste 1952 mit dem Namen „ Einheit“ und 1958 die zweite „ Gemeinsamer Weg“, die sich später vereinigten. 1978 gingen sie in die LPG T ( Tierproduktion ) „Sozialismus“ Ilberstedt und LPG P ( Pflanzenproduktion ) Bründel über.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig. Auch im Flanschenwerk Bebitz, im Walzwerk Hettstedt und in der Kreisstadt Bernburg fanden viele Arbeit.

Eine besondere Erwähnung verdient der Sportverein „ Traktor Großwirschleben“. Er bildete sich nach dem Ende des 2. Weltkrieges neu. Eine Fußballmannschaft hatte es schon vor dem Krieg gegeben. Neben dem Fußball, der eine große Rolle im Verein einnahm, war es der Breitensport, der gefördert wurde. So gab es von der Gymnastikgruppe bis zum Schach ein breites Angebot.

Der Ausbau des Saals der ehemaligen Gaststätte zum Kulturhaus wurde von den Sportlern freiwillig und ohne Bezahlung durchgeführt. Hier zeigte sich, was der Sportverein im Dorf für eine Akzeptanz und Antriebskraft besaß.

Mit der Wende 1989 änderte sich die Arbeitssituation, da viele Betriebe geschlossen wurden. Auch die Gaststätten und der Konsum in unserem Ort existieren nicht mehr. Die Grundversorgung wird durch Verkaufswagen abgesichert. Über viele Jahre hatten wir immer rund 450 Einwohner im Ort. Heute ist diese Zahl um 1/3 geschrumpft Die einst prächtigen Bauernhöfe stehen zwar noch, befinden sich aber in einem sehr schlechten Zustand.
 

Doch was zuletzt stirbt, ist die Hoffnung auf blühende Landschaften.


Erarbeitet von Harald Wieschke
Stand August 2009